B4: Praktiken des Suchens und Findens
Projektleiter: Prof. Dr. Peter Haslinger, Prof. Dr. Uwe Wirth
Wissenschaftliche MitarbeiterInnen: Antje Coburger (Herder-Institut Marburg), Andreas Grünes
Studentische Hilfskraft: Matthias Kremp, Michael R. Weise
Suchen und Finden sind in einem emphatischen Sinne grundlegende Kulturtechniken, von der Spurensuche unserer jagenden Vorfahren bis zur Recherche mit Hilfe von computergestützten Suchmaschinen. Im letzten Fall hat diese Praxis den Charakter des Lesens von Schreibspuren. Sie erschließt zum einen primäre Medien (z.B. Dokumente, Bilder, Landkarten) durch einen ordnenden und systematisierenden Umgang und macht diese durch ordnungsbezogene, sekundäre Medien (Karteikarten, Mikrofilme, Datenbanken, Suchmasken) einem Nutzerkreis verfügbar. In beiden Bereichen implizieren Praktiken des Archivierens, Edierens, Dokumentierens und Recherchierens daher immer bestimmte Findbarkeitsstrategien (zur findability vgl. Morville/Rosenfeld 2002).
Die Frage ist nun erstens, wie man tatsächlich das findet, was man sucht, und zweitens, wie man etwas findet, ohne dass man schon genau weiß, wonach man sucht. Im ersten Fall muss die Kulturtechnik des Suchens und Findens auf eine Strategie des Information Retrieval zurückgreifen, die ein vorab formuliertes search item präzise identifiziert. Im zweiten Fall hat man es mit Strategien zu tun, die das Ziel der Suche erst im Verlauf des Suchprozesses präzisieren. Diese Form der Aneignung und Verarbeitung von Wissenselementen ähnelt dem, was Peirce als „Abduktion“ bezeichnet hat. Durch das Aufstellen von selektiv ordnenden und systematisierenden Hypothesen umfasst diese sowohl Praktiken des archivierenden und edierenden Erschließens als auch des tastenden Suchens in Bibliotheken oder im Internet. Diese Suchstrategien erweisen sich dann als innovativ, wenn eine festgeschriebene Wissensordnung durch den Suchprozess auch modifiziert und weiterentwickelt wird.
Ziel des Teilprojekts ist es, abduktive Praktiken auf Seiten der Nutzer sowie ihre Antizipation auf Seiten der Bereitsteller für Archive, Editionen und Dokumentationen als Medialisierung der Kulturtechnik des Suchens und Findens zu begreifen. Aus dieser Analyse soll eine nutzerorientierte Rechercheoptimierung, also eine Verbesserung der findability, ermöglicht werden. Dabei gilt es zu fragen, inwiefern sich die Interaktion zwischen Bereitstellern und Nutzern von Suchoptionen als Lernprozess gestalten lässt, in dessen Verlauf die Findbarkeitsstrategien koordiniert und modifiziert werden. Diese allgemeinen Fragen des Teilprojekts werden anhand von zwei Beispielen konkretisiert: zum einen durch eine archivtheoretisch fundierte ‚dichte Beschreibung‘ von Archivierungs- und Editionsprozessen am Beispiel der „Lodzer Getto-Chronik“ der Arbeitsstelle für Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der JLU, zum anderen durch die Geschichte der Sammlungsbestände des Herder-Instituts.
Promotionsprojekte im Rahmen des Teilprojektes:
- Antje Coburger: “Die Geschichte der Sammlungsbestände des Herder-Instituts. Kulturtechniken und ihre Anwendungen als Praktiken des Suchens und Findens”
- Andreas Grünes: “Suchen und Finden. Abduktive Praktiken und Archivale Praxis”
Arbeitsprogramm:
Arbeitspaket 1:
Erarbeitung eines allgemein operationalisierbaren Abduktionsmodells, basierend auf dem bisherigen Stand von Archivtheorien und Konzepten von findability
Arbeitspaket 2:
‘ethnographische’ Beschreibung der abduktiven Praktiken des Suchens und Findens am Beispiel der Ghetto-Chronik sowie von Sammlungsbeständen am Herder-Institut
Arbeitspaket 3:
Fertigstellung von Digitalisierungskonzepten, beginnende Verschriftlichung
Arbeitspaket 4:
Digitale Erstellung der online-Version und Implementierung des Konzepts abduktiv optimierter findability