B2: Audiovisuelle Geschichtsschreibung
Projektleiter: Prof. Dr. Frank Bösch, Prof. Dr. Peter Haslinger
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Andreas Schneider, Michael Zok (Herder-Institut Marburg)
Studentische Hilfskraft: Carola Westermeier
Geschichtsdarstellungen waren schon immer mit Kulturtechniken wie Schreiben, Erzählen oder Visualisieren verbunden und damit medial geprägt. Dennoch leitete das Aufkommen des Films und dann insbesondere des Fernsehens einen dynamischen Medialisierungsschub ein, der die Geschichtskreation, -inhalte und -vermittlung deutlich veränderte. Die audiovisuelle Geschichtsdarstellung griff dabei zahlreiche Kulturtechniken der bisherigen historischen Darstellung in neuen Formaten auf – wie das orale Erzählen durch Zeitzeugen, die visuelle Anschauung von Schauplätzen oder schriftlichen Dokumenten. Sie bildete jedoch aus neuen technischen, ökonomischen und institutionellen Bedingungen heraus auch eigene Erzähl-, Darstellungs- und Rezeptionsformen aus. Das Teilprojekt untersucht diesen Übergang von der vornehmlich oralen und schriftlichen Geschichtsvermittlung zur audiovisuellen Geschichtskultur und geht der Frage nach, wie die neue mediale Technik bisherige Kulturtechniken der Geschichtsdarstellung veränderte.
Das Fernsehen wird als ein Kommunikationsmittel verstanden, das aus seiner technischen Struktur heraus die Geschichtskultur formgebend, selektierend und sinnbildend neu gestaltet und speichert. Das Projekt analysiert erstens die spezifischen inhaltlichen Verschiebungen, die mit dem Wandel des medialen Formats einhergingen, um medienspezifische Beziehungen zwischen Form und Inhalt auszumachen. Zweitens wird geprüft, in welcher Beziehung diese audiovisuellen Geschichtsdarstellungen jeweils zur schriftlich formulierenden Wissenschaft und Publizistik standen und welche Abgrenzungen in den Selbstbeobachtungen gezogen wurden; im Unterschied zu Popularisierungsansätzen wird hier von einer dynamischen intermedialen Wechselwirkung ausgegangen. Drittens fragt es nach den Aneignungsformen der Mediennutzer, um Wechselbeziehungen zwischen neuen Techniken der medialen Kommunikation und gesellschaftlichen Entwicklungen auszumachen, etwa im Hinblick auf die Verschiebung von Wissensanordnungen und Erinnerungsformen.
Welche spezifischen Techniken und Formen die audiovisuelle Geschichtsschreibung im Fernsehen seit den 1950er Jahren ausbildete, wird an ausgewählten Dokumentationen und Fernsehspielen zum Holocaust aus West- und Osteuropa erforscht. Diese vergleichende Perspektive ermöglicht eine Ergebnisbildung, die die spezifische Medialisierungsleistung des Fernsehens in Verbindung mit den politischen Rahmenbedingungen zeigt. Zugleich ermöglicht dieser Zugriff, aus historischen Kontexten heraus Besonderheiten des Medialisierungsprozesses im Kalten Krieg herauszuarbeiten. Geplant ist eine vergleichende Untersuchung insbesondere zu Polen, der DDR, der BRD und Großbritannien.
Promotionsprojekte im Rahmen des Teilprojektes:
- Andreas Schneider: “Televisuelle Geschichtsschreibung. Der Holocaust im westeuropäischen Fernsehen. Eine histoire croisée”
- Michael Zok: “Kommunistische Geschichts- und Medienpolitik in Polen 1944-1989: Die Holocaust-Darstellung im Fernsehen und ihre Rezeption”
Arbeitsprogramm:
Arbeitspaket 1:
Auswertung der Literatur und Konzeptionalisierung
Arbeitspaket 2:
Analyse und Auswertung von Filmen, Dokumentationen und Serien
Arbeitspaket 3:
Analyse und Auswertung von Archivmaterial von Fernsehsendern und Behörden sowie von Printmedien in West- und Osteuropa zu Konzeption, Umsetzung und Rezeption der Sendung „Holocaust“
Arbeitspaket 4:
Herausarbeitung von Spezifika des Fernsehens in Abgrenzung von anderen Medien