A1: Blickbewegungen

Projektleiter: Prof. Dr. Karl Gegenfurtner
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Dr. Matteo Valsecchi, (bis 06/2009: Johanna Bernhardt)
Studentische Hilskräfte: Claudia Kubicek, Sarah Ritter

Projekt A1Obwohl das Lesen für den Menschen eine elementare Kulturtechnik ist, stellt es keineswegs eine einfache Aufgabe dar – das visuelle System und die Schrift sind nicht sonderlich gut aufeinander abgestimmt. Während sich die Evolution unseres visuellen Systems über Millionen Jahre hinweg vollzog, ist die Schrift eine relativ neue kulturelle Errungenschaft, die erst vor wenigen tausend Jahren entwickelt wurde und erst im Zuge der Erfindung des Buchdrucks weite Verbreitung fand. Wir lesen also mit einem „affenähnlichen“ visuellen System von Computerdisplays, die die alten Techniken des Buchdrucks emulieren. Es soll daher der Frage nachgegangen werden, wie sich Leseprozesse in unterschiedlichen Medien (Buch, Bildschirm, Handy) unterscheiden, und ob sich Leseleistungen erhöhen lassen, indem dynamische Umgebungen geschaffen werden, die besser an die bekannten Eigenschaften des menschlichen Sehsystems angepasst sind. Auch soll eine mögliche Anwendung der Befunde überprüft werden, wie z. B. beim Design von Displays, bei denen bei extrem kurzen Betrachtungszeiten möglichst viel Information aufgenommen werden soll, etwa beim Autofahren.

Damit bildet das Teilprojekt A1 die empirische Basis für die weitergehende Untersuchung von Textroutinen und Gliederungsstrukturen in diesem Projektbereich. Lesen beinhaltet eine ganze Reihe von visuellen, kognitiven und motorischen Prozessen; die Buchstaben werden vom visuellen System wahrgenommen, analysiert und erkannt und vom kognitiven System zu Wörtern und größeren bedeutsamen Einheiten zusammengefasst. Zusätzlich ist eine genaue motorische Kontrolle der Augenmuskeln nötig, um den Blick gezielt von Wort zu Wort zu bewegen. Aus visuo-motorischer Sicht ist der Lesevorgang ein äußerst komplexer Prozess, der im Normalfall erstaunlich gut funktioniert, dabei aber auf einem oft mühsamen Lernprozess und lebenslanger Übung beruht.

Projekt A1 Bild2Das methodische Vorgehen besteht darin, Blickbewegungen beim Lesen unterschiedlicher Texte zu erfassen, die Lesegeschwindigkeit für diese Texte zu bestimmen und anschließend die Verarbeitungstiefe durch standardisierte Fragen zum Textinhalt zu messen. Die Leseleistung kann grundsätzlich dann erhöht werden, wenn die Anzahl der ausgeführten Sakkaden (ruckartige Blicksprünge, die den Blick gezielt von einem Wort oder Wortteil zum nächsten lenken) gering ist und bei jeder einzelnen Sakkade möglichst viel Information aufgenommen wird. Dies ließe sich z. B. dadurch erreichen, dass der gerade betrachtete Ausschnitt des Textes vergrößert dargestellt wird und andere Bereiche unscharf erscheinen. Es gibt sogar Möglichkeiten, gänzlich ohne Sakkaden auszukommen. Zur Erfassung des Textes könnten z. B. glatte Augenfolgebewegungen einsetzt werden, wenn ein geeigneter Bewegungsreiz diese langsamen Bewegungen der Augen induzieren kann, ohne mit dem Leseprozess zu interferieren. Eine andere Möglichkeit besteht in der zeitlich aufeinander folgenden Darbietung der Textbausteine am selben Ort (rapid serial visual presentation – RSVP). Diese Art der Darstellung eignet sich besonders gut für Medien mit kleiner Lesefläche wie z. B. Handies.

Arbeitsprogramm:
Arbeitspaket 1:
Aufbau eines experimentellen Setups, bei dem Leseprozesse nicht nur am Bildschirm, sondern auch mit Büchern und kleinen, tragbaren Displays untersucht werden. Bestimmung der Leseleistungen und Kennzeichnung der Augenbewegungen mit diesen unterschiedlichen Medien.
LOEWE KugelnArbeitspaket 2:
Lesen in dynamischen Displays mit Sakkaden.
Arbeitspaket 3:
Lesen in dynamischen Displays ohne Sakkaden.
Arbeitspaket 4:
Anwendungen (Dyslexie, Displays im Auto etc.).